Beschwerden ohne Befund

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Beschwerden ohne Befund
 
Sehr häufig stehen wir im Praxisalltag vor der Situation, dass uns Patienten mit Beschwerden aufsuchen und wir keine Befunde erheben können. Mit Befragung, körperlicher Untersuchung und Zusatzuntersuchungen (Labor, Röntgen, EKG, usw.) versuchen wir zu einer Diagnose zu kommen. Manchmal sind auch weitere externe Untersuchen oder Abklärungen bei Spezialisten notwendig. Recht häufig können auch dann Beschwerden nicht mit einer eindeutigen Diagnose erklärt werden. Für uns ist das Alltag, immer wieder sind aber Patienten dadurch verunsichert. Wir werden dann gefragt, ob die Beschwerden eingebildet sind oder ob nun der Arztbesuch unnötig war. Manchmal besteht auch eine Angst oder Unsicherheit, ob nun etwas übersehen wurde und ob nicht doch etwas Ernsteres dahinter stecken könnte. Wir können Ihnen versichern, eingebildete Kranke haben wir bisher nur bei Moliäre gesehen, noch nie in unserer Praxis. Unnötig ist noch kaum jemand zu uns gekommen, jeder hat das Recht, bei Beschwerden, welche nicht selber interpretiert und behandelt werden können, ärztlichen Rat zu holen. Es gibt verschiedene Ursachen für solche Beschwerden: Typisch dafür sind virale Erkrankungen, sei es eine Erkältung oder Grippe. Viren machen zwar starke Beschwerden wie Fieber, Husten, Halsweh, Gliederschmerzen, usw., bei der Untersuchung hört und sieht man wenig bis nichts Krankhaftes. Auch Labor und Röntgen fallen oft normal aus. Aufgrund typischer Beschwerden und normalem Labor können wir auf eine virale Erkrankung schliessen, in der Regel aber nicht sagen, um welchen Virus es sich handelt, was meist auch nicht nötig ist, da dies keinen Einfluss auf die Behandlung hat.
Noch weniger klar und oft schwieriger ist die Interpretation bei Befindlichkeitsstörungen. Darunter verstehen wir Beschwerden wie Atemschwierigkeiten, Herzschmerz, Bauchweh, Kopfweh Rücken-schmerzen und andere, welche mit den herkömmlichen Unter-suchungsmethoden nicht begründet werden können. Um das besser zu verstehen, müssen wir den Menschen als komplexes Wesen be-trachten im Spannungsfeld zwischen Körper, Seele, Geist und sozialem Umfeld. Jeder Bereich kann einen andern beeinflussen, z.B. eine schwere körperliche Erkrankung die Seele, was sich in einer Depression äussern kann, oder soziale Probleme (Arbeitsplatz, Partner) den Körper, welche sich z.B. in Form von Kopf- oder Rückenweh ausdrücken können. Das vegetative Nervensystem mit seinem sympathischen und parasympathischen Anteil ist das Bindeglied im Körper, kann jedoch nicht durch den Willen beeinflusst werden. Es wird über Regelkreise im Körper gesteuert und ist auch indirekt durch Gedanken und unbewusste Prozesse beeinflusst. So kennen wir die Erregung mit Herzklopfen bei einem spannenden Fussballmatch, weil durch die Adrenalinausschüttung das sympathische Nervensystem aktiviert wird, aber auch das Einschlafen bei einer langweiligen Fernsehsendung, weil das parasympathische System stimuliert wird. Idealerweise ist das vegetative Nervensystem in einem harmonischen Gleichgewicht. Chronischer Distress (im Gegensatz zu Eustress, der belebt und befriedigt) aktiviert einseitig das sympathische Nervensystem und führt mangels Erholung zu Erschöpfung und überforderung, bei langer Dauer sogar zu organischen Schäden, z.B. Herzinfarkt. äussere Stressoren wie Probleme am Arbeitsplatz, Konflikte in den Beziehungen, Geldsorgen usw. werden oft einfach erkannt. Schwieriger einzuordnen, zu erkennen und auch zu behandeln sind innere Stressoren, bedingt durch traumatische Lebenserfahrungen, wie Gewalt oder schwere Erkrankungen und Unfälle von Angehörigen. Solche Ereignisse können Wunden hinterlassen, die nicht abheilen und sich immer wieder schmerzhaft melden. 
Bei Bauchbeschwerden lautet die häufigste Diagnose Reizdarm oder Dyspepsie. Dies sind funktionelle Beschwerden im Bauchraum und können durchaus spontan verschwinden oder durch harmlose Medikamente gelindert werden. Beim Kopfweh wird in über 50% die Diagnose von Spannungskopfschmerzen gestellt, aber auch diese Diagnose gilt erst definitiv, wenn organische Ursachen aus-geschlossen sind. Nackenschmerzen können häufig auch nicht über einen Körperbefund erklärt werden und sind oft mitbedingt durch einen Konflikt oder überlastung. 
Beschwerden ohne Befund führen bei vielen Patienten zu ängstlicher Beobachtung, was die Symptome verstärken kann. Eine Verschlechterung führt verständlicherweise zum Wunsch nach weiteren Abklärungen. Unsere nicht immer leichte Aufgabe ist es dann, das richtige Mass an Untersuchungen zu veranlassen und den Patienten vor unnötigen, eventuell risikoreichen diagnostischen Eingriffen zu schützen.
Beschwerden ohne Befund haben oft ein gutes Selbstheilungs-potential. Wir machen häufig die Erfahrung, dass sie nach Abklärung und der entsprechenden Erleichterung bald verschwinden. Wenn sie sich als hartnäckiger erweisen, wirken bewusste Entspannung oder sportliche Aktivitäten oft heilend. Bei grösserem Leidensdruck können antidepressive Medikamente weiter helfen, welche schmerzlindernd wirken und das vegetative Nervensystem günstig beeinflussen. Letztlich kann es auch einmal nötig sein, das Problem psychologisch anzugehen. Gerne stehen wir Ihnen in diesen nicht immer leichten Situationen mit Rat und Tat zur Seite.